Gottschalk geht – endlich

Die ARD hat die Nase voll: Am 7. Juni 2012 läuft die Vorabend-Talkshow „Gottschalk live“ zum letzten Mal. Damit ziehen die Intendanten einen Schlussstrich unter einen gewaltigen Irrtum, der wieder mal zeigt, wie sehr sich die TV-Fachleute manchmal von einem vermeintlich großen Namen blenden lassen.

Das Problem der Sendung war weniger das Konzept noch der Sendeplatz – sondern der Moderator. Für eine Talkshow, noch dazu für eine mit einem derart intimen Rahmen mit nur zwei Gästen pro Abend braucht es einen Talkmaster, der a) sich intensiv auf seine Gesprächspartner vorbereitet, b) Interesse an seinen Gästen hat und c) ihnen den Raum gibt, den sie brauchen, um sich über ein Thema zu verbreiten.

Alle drei Punkte erfüllte Gottschalk von Anfang an nicht. Denn der Showmaster ist vor allen Dingen an sich selbst interessiert und an seiner Wirkung. So verwunderte es kaum, dass Gottschalk oft unvorbereitet und nur oberflächlich gebrieft in die Gespräche ging, es bei Belanglosigkeiten beließ und Themen sowie Gäste im Telegramm-Stil abfertigte. Bei „Wetten, daß …?“ durfte sich Gottschalk im Glanz seiner Stargäste sonnen. Die sorgten, zusammen mit den Wetten, für Glamour und Trubel. Ein echtes Gespräch kam auf dem Showsofa ohnehin nie auf. Das sollte – und musste – bei „Gottschalk live“ anders werden. Hier traf sich der Moderator (anfangs sogar ohne Publikum) mit den Promis zum Talk. Glamour, die große Show, das jubilierende Publikum – alles fehlte und musste von Gottschalk kompensiert werden. Doch damit war der einstmals Gefeierte schlichtweg überfordert.

Doch die Kritik darf nicht nur an Gottschalk allein festgemacht werden. Auch das Drumherum wirkte gekünstelt und aufgesetzt. Da war seine blutjunge Online-Redaktion, die in einem schlauchartigen Raum vor sich hin werkelte und wirkte, als sei sie frisch von der Straße als Praktikanten weggecastet worden. Der tiefere Sinn ihrer Anwesenheit erschloss sich dem Zuschauer nie. Dazu kam der krampfhafte Versuch, die Sendung in sozialen Netzwerken zu etablieren. Mit einem Gottschalk aber, der keine Gelegenheit ausließ, um den alternden und im Grunde genommen am Internet nicht interessierten Mann zu mimen, musste das Ganze schief gehen. Mit der Sendezeit hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun.

Fazit: Die Zeit der großen Show ist für Thomas Gottschalk vorbei. Lockeren Boulevard-Talk kann er nicht. In anderen Sendungen ist er nur schwer vorstellbar. Vielleicht wäre es jetzt das Beste, abzutreten. Und zwar endgültig.

Beißreflex

Der WDR plant zur Fußball-Europameisterschaft 2012 einen eigenen Radiosender. „Event-Radio Euro 2012“ funkt vom 19. Mai bis zum 8. Juli via DAB+ und als Online-Livestream. Wie der Name des Kanals verrät, dreht sich (fast) alles um die EM in Polen und der Ukraine. Daneben sollen aber auch Berichte zu anderen Sportarten angeboten werden.

Kaum hat der Westdeutsche Rundfunk seine Pläne veröffentlicht, kommt die Antwort – in Form einer Pressemitteilung des VPRT, dem Lobby-Verband der privaten Rundfunk- und TV-Sender. Die fordern – wie könnte es anders sein – ein Verbot des Event-Senders.

Man fragt sich ernsthaft: Warum eigentlich? Fest steht: ARD und ZDF besitzen die Übertragungsrechte für die Spiele der EM. Hier also kann der WDR den Privaten das Wasser schon mal nicht abgraben, da die Privaten schlichtweg nichts zu bieten haben. Es sei denn, man legt Wert auf Pseudo-EM-Magazine, wie sie bestimmt wieder bei Sport.1 zu sehen sein werden, oder die Häppchen-Berichterstattung von N-TV und N24, zwei Sendern übrigens, die ebenfalls – was die News-Kompetenz angeht – es nicht mit Tagesschau, heute & Co. aufnehmen können. Jede Wette: Während in Polen und in der Ukraine der Ball rollt, sendet N24 wieder Pseudo-Dokus über US-Flugzeugträger oder die Wehrmacht.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei der Kritik des VPRT um einen Beißreflex, dem jegliche sachliche Begründung fehlt. Weder fischt der WDR in verbotenen Gewässern noch konkurriert das Angebot mit vergleichbaren Offerten der Privaten. Selbst das Argument, das Event-Radio würde dem Online-Sender 90Elf die Zuhörer streitig machen, zieht nicht. 90Elf berichtet vor allem live von den Spielen der Fußball-Bundesliga. Das tun WDR, NDR & Co. aber seit Jahrzehnten auch schon.

Nur, weil den Privaten mit ihrem permanenten Kosten- und Renditedruck bisher nichts Gescheites in Sachen News- und Sport-Berichterstattung eingefallen ist, sollen die Bürger auf eine umfassende EM-Versorgung verzichten? Ich zahle meine Gebühren, dafür können die Öffentlich-Rechtlichen ruhig mal aus dem Vollen schöpfen, zumal das Ganze wohl ohne großen Mehraufwand auf dem Wege der Zweitverwertung bewerkstelligt wird. Ich freue mich schon, den Stream auf meinen Internet-Geräten einzurichten.

Update: Nur einen Tag nach der Ankündigung des Event-Radios macht der WDR – offenbar aufgrund der von den Privaten initiierten Kritik – einen Rückzieher und stoppt das Projekt. Unfassbar und sehr schade.

Auf Wiedersehen, Herr Schmidt

Nun ist es also amtlich: Harald Schmidt, der seit Jahren notorisch versagende Late-Night-Talker, geht vom Sender. Medienberichten zufolge hat SAT.1 die Geduld verloren und setzt die Show Anfang Mai ab.

Meine Trauer hält sich diesbezüglich in sehr engen Grenzen. Verkörpert Harald Schmidt für mich schon seit geraumer Zeit den Typus des blasiert-gelangweilten (Pseudo-)Intellektuellen, der – satt von Millionengagen – herablassend auf die Welt, die ihn umgibt, herab schaut. Und bei dem man ständig den Eindruck hat, er verachte sein Publikum.

Jetzt hat der Mann aber ein Problem: Das Publikum ist ihm abhanden gekommen. Kaum jemand, der sich für seine von einem Witzeschreiber-Team auf den Teleprompter diktierten Sprüche interessiert, geschweige denn von seinen Studiogästen und den Talkrunden Notiz nimmt. Halt – das stimmt nicht ganz. Es gibt eine Berufsgruppe, die in den vergangenen Jahren nicht müde wurde, über den einstigen Wunderknaben Schmidt in epischer Breite und mit hartnäckiger Penetranz zu berichten: die Mediendienste, die jedes Wort von „Dirty Harry“ auf die Goldwaage legten und ob seiner Eloquenz an seinen Lippen hingen. So wurde Schmidt künstlich hochgeschrieben, obwohl er schon seit langer Zeit keine Massen mehr anzieht.

Harald Schmidt war mal richtig gut. Anfang der 90er-Jahre etwa mit „Schmidteinander“, einer anarchischen Show, die allerdings zu mindestens 50 Prozent von seinem Konterpart Herbert Feuerstein und dessen Ideen lebte. Auch seine damaligen Solo-Kabarett-Programme hatten wenig von seiner heutigen Überheblichkeit, sondern überzeugten vielmehr durch seinen scharfzüngigen Witz.

Nun dreht also SAT.1 dem glücklosen Medienliebling endgültig den Saft ab. Bleibt zu hoffen, dass sich ARD und ZDF mit neuen Vertragsangeboten zurückhalten. Und auf diese Weise Harald Schmidt dort landet, wo er schon lange hingehört: in die Ahnenhalle der TV-Stars, die irgendwann mal sehr gut waren und seitdem verzweifelt ihrer kreativen Hochphase hinterher rennen.

Weg mit dem Adjektiv

Gestern führte ich ein längeres Telefonat mit einer PR-Agentur (bzw. mit einer PR-Managerin, die bei einer PR-Agentur angestellt ist, um genau zu sein). Zunächst ging es natürlich darum, mir ein neues Superduper-Produkt anzupreisen, verbunden mit der Bitte, eine entsprechende Meldung zu veröffentlichen. Das habe ich aus diversen Gründen, die diese Geschichte nicht andicken und die ich daher weglasse, abgelehnt. Anschließend entspann sich jedoch noch ein interessantes Gespräch, in dessen Verlauf ich erfuhr, wie PR-Agenturen arbeiten und in vielen Fällen sogar arbeiten müssen. Und ich erfuhr auch, warum die meisten PR-Texte so mies sind, wie sie sind.

Offenbar ist es tatsächlich vielfach Usus, dass der Auftraggeber vorgibt, in welchem Takt eine PR-Agentur Pressemitteilungen rauszuhauen hat – und zwar unabhängig davon, ob das Unternehmen etwas zu vermelden hat oder nicht. Das führt dann zu Meldungen, deren Informationsgehalt nicht über den Gefrierpunkt hinausgeht und die demzufolge auch nicht von den Medien aufgegriffen werden. Der Auftraggeber bestimmt darüber hinaus vielfach wohl auch, welche Infomaterialien der Pressemeldung beigegeben werden dürfen oder sollen. Beispiel: Es kommt oft vor, dass IT-Journalisten einen Fließtext zugemailt bekommen zu einem Produkt, von dem aber keine Bilder existieren. Wie um alles in der Welt soll man sich in solch einem Fall zum Beispiel einen Eindruck von dem “beeindruckenden” und “extravaganten” oder vom “eleganten” und “außergewöhnlichen” Design verschaffen? Fragt man bei der Agentur nach, ob es zumindest in Bild gibt, heißt es dann oft: “Ja, wir haben eins, aber das ist nicht freigegeben” oder “Ja, mein Kollege hat eins aus Taiwan zugemailt bekommen, das hat er noch auf seinem Notebook und der Kollege ist gerade im Termin und ich weiß nicht, ob wir das Bild rausgeben dürfen”. Ergebnis: Die Meldung wandert in den Papierkorb – oder wird mit einer Anmerkung versehen, dass der Hersteller das Produkt noch nicht zeigen möchte, was die Aussage der gesamten Meldung mehr oder weniger konterkariert.

PR-Agenturen wundern sich außerdem darüber, warum Journalisten die Pressetexte, die ihnen zugeschickt werden, mehrheitlich nicht oder nur zum Teil übernehmen. Ein Grund ist die Marktschreierei, die wohl zu jeder Mitteilung gehört wie das Datum und der Absender. Da wimmelt es dann von Ausdrücken wie “schnellsten”, “schönsten”, “innovativsten”, “tollsten”, “modernsten” oder “faszinierendsten”. Kein halbwegs seriöses Magazin, das in seinem News-Ressort über neue Produkte berichtet, wird den Adjektiv- und Attribut-Orkan 1:1 übernehmen. Also fliegt der Ballast erst mal raus. Zurück bleibt dann eine nüchterne Produktmeldung. Fehlt sogar noch der USP, reduziert sich das Ganze auf zwei, drei Sätze. Mehr lässt sich nicht vermelden, wenn es sich nur um die PR-Infos handelt.

PR-Agenturen beschweren sich darüber, dass Journalisten von den Meldungen, die sie erhalten, zunehmend genervt reagieren. Oben sind mehrere Gründe genannt, warum das so ist.