Weg mit dem Adjektiv

Gestern führte ich ein längeres Telefonat mit einer PR-Agentur (bzw. mit einer PR-Managerin, die bei einer PR-Agentur angestellt ist, um genau zu sein). Zunächst ging es natürlich darum, mir ein neues Superduper-Produkt anzupreisen, verbunden mit der Bitte, eine entsprechende Meldung zu veröffentlichen. Das habe ich aus diversen Gründen, die diese Geschichte nicht andicken und die ich daher weglasse, abgelehnt. Anschließend entspann sich jedoch noch ein interessantes Gespräch, in dessen Verlauf ich erfuhr, wie PR-Agenturen arbeiten und in vielen Fällen sogar arbeiten müssen. Und ich erfuhr auch, warum die meisten PR-Texte so mies sind, wie sie sind.

Offenbar ist es tatsächlich vielfach Usus, dass der Auftraggeber vorgibt, in welchem Takt eine PR-Agentur Pressemitteilungen rauszuhauen hat – und zwar unabhängig davon, ob das Unternehmen etwas zu vermelden hat oder nicht. Das führt dann zu Meldungen, deren Informationsgehalt nicht über den Gefrierpunkt hinausgeht und die demzufolge auch nicht von den Medien aufgegriffen werden. Der Auftraggeber bestimmt darüber hinaus vielfach wohl auch, welche Infomaterialien der Pressemeldung beigegeben werden dürfen oder sollen. Beispiel: Es kommt oft vor, dass IT-Journalisten einen Fließtext zugemailt bekommen zu einem Produkt, von dem aber keine Bilder existieren. Wie um alles in der Welt soll man sich in solch einem Fall zum Beispiel einen Eindruck von dem “beeindruckenden” und “extravaganten” oder vom “eleganten” und “außergewöhnlichen” Design verschaffen? Fragt man bei der Agentur nach, ob es zumindest in Bild gibt, heißt es dann oft: “Ja, wir haben eins, aber das ist nicht freigegeben” oder “Ja, mein Kollege hat eins aus Taiwan zugemailt bekommen, das hat er noch auf seinem Notebook und der Kollege ist gerade im Termin und ich weiß nicht, ob wir das Bild rausgeben dürfen”. Ergebnis: Die Meldung wandert in den Papierkorb – oder wird mit einer Anmerkung versehen, dass der Hersteller das Produkt noch nicht zeigen möchte, was die Aussage der gesamten Meldung mehr oder weniger konterkariert.

PR-Agenturen wundern sich außerdem darüber, warum Journalisten die Pressetexte, die ihnen zugeschickt werden, mehrheitlich nicht oder nur zum Teil übernehmen. Ein Grund ist die Marktschreierei, die wohl zu jeder Mitteilung gehört wie das Datum und der Absender. Da wimmelt es dann von Ausdrücken wie “schnellsten”, “schönsten”, “innovativsten”, “tollsten”, “modernsten” oder “faszinierendsten”. Kein halbwegs seriöses Magazin, das in seinem News-Ressort über neue Produkte berichtet, wird den Adjektiv- und Attribut-Orkan 1:1 übernehmen. Also fliegt der Ballast erst mal raus. Zurück bleibt dann eine nüchterne Produktmeldung. Fehlt sogar noch der USP, reduziert sich das Ganze auf zwei, drei Sätze. Mehr lässt sich nicht vermelden, wenn es sich nur um die PR-Infos handelt.

PR-Agenturen beschweren sich darüber, dass Journalisten von den Meldungen, die sie erhalten, zunehmend genervt reagieren. Oben sind mehrere Gründe genannt, warum das so ist.

Nur mal so …

Es war einmal ein Mann, der in einem kleinen Haus am Ufer des Flusses lebte. Eines Tages hörte er im Radio die Durchsage, dass der Fluss anschwellen und es zu Überschwemmungen kommen könnte und dass sich alle Bewohner in der Umgebung in Sicherheit bringen sollten. Doch der Mann missachtete die Durchsage und sagte zu sich: “Ich bete jeden Tag zu Gott und Gott wird mich retten.”

Der Fluss schwoll an und überflutete die Straßen und das Haus. Da kam ein Ruderboot an dem Haus vorbei, und der Ruderer rief dem Mann, der auf seinem Dach saß, zu: “Los, spring’ in mein Boot, ich rette Dich.” Doch der Mann lehnte ab und sagte nur: “Fahr’ weiter, ich warte auf Gott, denn ich glaube an ihn und Gott wird mich retten.”

Kurze Zeit später kam ein Hubschrauber geflogen. Der Pilot zückte ein Megaphon und rief: “Ich lasse eine Leiter zu Ihnen hinunter und rette Sie.” Aber der Mann schüttelte nur den Kopf und sagte: “Fliegen Sie weiter, ich warte auf Gott, denn ich glaube an ihn und Gott wird mich retten.”

Das Wasser stieg weiter und als sich der Mann nicht mehr auf seinem Dach halten konnte, ertrank er. Am Himmelstor verlangte er, mit Gott zu sprechen. Und er wurde zum Allmächtigen vorgelassen.

“Gott”, sagte der Mann verzweifelt, “ich bin ein gläubiger Mensch und habe immer zu Dir gebetet. Warum hast Du mich nicht gerettet?” Und Gott antwortete: “Ich habe Dir eine Radiodurchsage, ein Ruderboot und einen Hubschrauber geschickt. Was in aller Welt hast Du jetzt hier zu suchen?”

(Die Geschichte stammt nicht von mir, sondern aus der großartigen TV-Serie “The West Wing”. Ein Priester, gespielt von Karl Malden, erzält sie dem US-Präsidenten (Martin Sheen), als dieser darüber entscheiden muss, ob ein zum Tode Verurteilter begnadigt werden soll oder nicht.)

Wie man das Weihnachtsgeschäft ankurbelt

16 400x300 Blank in Ich wohne in Hamburg-Blankenese. Der Stadtteil ist bekannt für seine schicke Elbchaussee und das ebenso edle Treppenviertel und dafür, dass auf dem Markt die Gurke 20 Cent mehr kostet als ein paar Kilometer weiter. Im Grunde genommen aber ist Blankenese nur ein kleiner Ort, der zwar vordergründig mit Prachtvillen prahlt, in der zweiten oder dritten Reihe aber mit Häusern von durchaus konventionellem Stil aufwartet. Und weil Blankenese so klein und beschaulich ist, gibt es auch nur eine echte Einkaufsstraße. Nun ist es auch in meinem Stadtteil so, dass die Einzelhändler das Geld nicht mit der Schubkarre zur Bank fahren, sondern zusehen müssen, dass am Jahresende ein positives Ergebnis unterm Strich steht. Wen wundert es da, dass viele Läden auf ein gutes Weihnachtsgeschäft hoffen.

Da der Blankeneser an sich lauffaul ist und lieber mit seinem Auto als per Pedes in den Ort kommt, sind die wenigen Parkplätze entlang der Einkaufsstraße immens wichtig. Denn ein Parkhaus gibt es nicht, wenngleich sich Interessenvertreter und die Kirche schon seit Jahren über den Bau einer Tiefgarage unter dem Marktplatz streiten. Umso schöner ist es, wenn man eine der wenigen freien Parkbuchten ergattert …

In diesem Jahr ist aber alles anders. Denn während ein Hauseigentümer auf die Idee kam, just zur Weihnachtszeit sein Gebäude großzügig einzurüsten und die vor dem Haus liegenden Parkplätze zu okkupieren, wollte die Baubehörde dem nicht nachstehen und reservierte flugs die gegenüberliegenden Buchten für sich. Auch ein paar Meter weiter flattert vor einer Bucht mit fünf Plätzen seit Wochen ein Absperrband. Folge: Auf einen Schlag sind mehr als die Hälfte der verfügbaren Stellplätze weg. Und das mitten im Weihnachtsgeschäft. Wenn ich das sehe, frage ich mich: Muss das sein? Dass die Einzelhändler das einfach ganz gelassen hinnehmen, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Dem einen oder anderen Laden dürfte damit das Weihnachtsgeschäft tüchtig verhagelt werden. Mal sehen, welche Händler den nächsten Winter in der kleinen Einkaufsstraße noch erleben …

Von der Schönheit des Gediegenen

15 320x240 Kontakt Bild in Wer durch die Innenstädte dieser Republik bummelt, sieht sie überall: die Ladenketten mit den uniformen Angeboten. Drinnen tobt der Mob, kloppt sich um die Sonderangebote, die sich auf den Grabbeltischen häufen. Wer Glück hat, erwischt eine/n genervte/n Verkäufer/in; es sei denn, diese/r unterhält sich gerade mit einem Kollegen, starrt beflissen auf den PC-Bildschirm mit den Bestellungen oder rennt mit drei Kleiderbügeln unter dem Arm in Richtung Lager. “Nur, was da hängt”, “Da kommen Sie schon zu spät” oder “In der Größe ist nichts da” – das sind die Standard-Sätze, die einem in den Mode-Silos um die Ohren fliegen.

Doch es gibt sie noch: Oasen des geruhsamen Einkaufens und des gepflegten Umgangs. Eine dieser Enklaven hat seit über 150 Jahren ihren Sitz am Neuen Wall in Hamburg. Ladage & Oelke verkauft dort Gediegenes für die Dame und den Herren mit konservativem Geschmack. Englische Tweedjacken, edle Anzüge, schicke Kostüme und Duffle-Coats. Dazu die passenden Schuhe und Hüte. Krawatten und Manschettenknöpfe für ihn, Seidentücher und Stolas für sie. Die nicht ganz billigen Schätze lagern zum Teil in uralten Vitrinen und hölzernen Regalen.

Betritt man den Laden, umfängt einen zunächst – Stille. Hier hetzt niemand hektisch durch die Gänge oder ruft dem Kollegen irgendetwas zu. Alleine bleibt der Kunde nie. Das aufmerksame Personal bedient prompt, ist dabei ruhig, zurückhaltend und diskret. Ware ist immer am Lager; was nicht da ist, wird gerne bestellt. Mit anderen Worten: Man bemüht sich um den Kunden und lässt ihn nicht wie einen Depp zwischen den Wäschebergen stehen. Wer sich für einen Artikel entscheidet, erhält eine handgeschriebene Rechnung. Mit dieser geht der Kunde zu einem altmodischen Kontor-Schalter, bezahlt – und verlässt den Laden mit dem Gefühl, hier wirklich gut, höflich und fair bedient worden zu sein. Dafür ist man bereit, etwas mehr Geld auszugeben. Ich komme gerne wieder.