Die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2012 im Wortlaut.
Nur mal so …
Es war einmal ein Mann, der in einem kleinen Haus am Ufer des Flusses lebte. Eines Tages hörte er im Radio die Durchsage, dass der Fluss anschwellen und es zu Überschwemmungen kommen könnte und dass sich alle Bewohner in der Umgebung in Sicherheit bringen sollten. Doch der Mann missachtete die Durchsage und sagte zu sich: “Ich bete jeden Tag zu Gott und Gott wird mich retten.”
Der Fluss schwoll an und überflutete die Straßen und das Haus. Da kam ein Ruderboot an dem Haus vorbei, und der Ruderer rief dem Mann, der auf seinem Dach saß, zu: “Los, spring’ in mein Boot, ich rette Dich.” Doch der Mann lehnte ab und sagte nur: “Fahr’ weiter, ich warte auf Gott, denn ich glaube an ihn und Gott wird mich retten.”
Kurze Zeit später kam ein Hubschrauber geflogen. Der Pilot zückte ein Megaphon und rief: “Ich lasse eine Leiter zu Ihnen hinunter und rette Sie.” Aber der Mann schüttelte nur den Kopf und sagte: “Fliegen Sie weiter, ich warte auf Gott, denn ich glaube an ihn und Gott wird mich retten.”
Das Wasser stieg weiter und als sich der Mann nicht mehr auf seinem Dach halten konnte, ertrank er. Am Himmelstor verlangte er, mit Gott zu sprechen. Und er wurde zum Allmächtigen vorgelassen.
“Gott”, sagte der Mann verzweifelt, “ich bin ein gläubiger Mensch und habe immer zu Dir gebetet. Warum hast Du mich nicht gerettet?” Und Gott antwortete: “Ich habe Dir eine Radiodurchsage, ein Ruderboot und einen Hubschrauber geschickt. Was in aller Welt hast Du jetzt hier zu suchen?”
(Die Geschichte stammt nicht von mir, sondern aus der großartigen TV-Serie “The West Wing”. Ein Priester, gespielt von Karl Malden, erzält sie dem US-Präsidenten (Martin Sheen), als dieser darüber entscheiden muss, ob ein zum Tode Verurteilter begnadigt werden soll oder nicht.)
Wie man das Weihnachtsgeschäft ankurbelt
Ich wohne in Hamburg-Blankenese. Der Stadtteil ist bekannt für seine schicke Elbchaussee und das ebenso edle Treppenviertel und dafür, dass auf dem Markt die Gurke 20 Cent mehr kostet als ein paar Kilometer weiter. Im Grunde genommen aber ist Blankenese nur ein kleiner Ort, der zwar vordergründig mit Prachtvillen prahlt, in der zweiten oder dritten Reihe aber mit Häusern von durchaus konventionellem Stil aufwartet. Und weil Blankenese so klein und beschaulich ist, gibt es auch nur eine echte Einkaufsstraße. Nun ist es auch in meinem Stadtteil so, dass die Einzelhändler das Geld nicht mit der Schubkarre zur Bank fahren, sondern zusehen müssen, dass am Jahresende ein positives Ergebnis unterm Strich steht. Wen wundert es da, dass viele Läden auf ein gutes Weihnachtsgeschäft hoffen.
Da der Blankeneser an sich lauffaul ist und lieber mit seinem Auto als per Pedes in den Ort kommt, sind die wenigen Parkplätze entlang der Einkaufsstraße immens wichtig. Denn ein Parkhaus gibt es nicht, wenngleich sich Interessenvertreter und die Kirche schon seit Jahren über den Bau einer Tiefgarage unter dem Marktplatz streiten. Umso schöner ist es, wenn man eine der wenigen freien Parkbuchten ergattert …
In diesem Jahr ist aber alles anders. Denn während ein Hauseigentümer auf die Idee kam, just zur Weihnachtszeit sein Gebäude großzügig einzurüsten und die vor dem Haus liegenden Parkplätze zu okkupieren, wollte die Baubehörde dem nicht nachstehen und reservierte flugs die gegenüberliegenden Buchten für sich. Auch ein paar Meter weiter flattert vor einer Bucht mit fünf Plätzen seit Wochen ein Absperrband. Folge: Auf einen Schlag sind mehr als die Hälfte der verfügbaren Stellplätze weg. Und das mitten im Weihnachtsgeschäft. Wenn ich das sehe, frage ich mich: Muss das sein? Dass die Einzelhändler das einfach ganz gelassen hinnehmen, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Dem einen oder anderen Laden dürfte damit das Weihnachtsgeschäft tüchtig verhagelt werden. Mal sehen, welche Händler den nächsten Winter in der kleinen Einkaufsstraße noch erleben …
Von der Schönheit des Gediegenen
Wer durch die Innenstädte dieser Republik bummelt, sieht sie überall: die Ladenketten mit den uniformen Angeboten. Drinnen tobt der Mob, kloppt sich um die Sonderangebote, die sich auf den Grabbeltischen häufen. Wer Glück hat, erwischt eine/n genervte/n Verkäufer/in; es sei denn, diese/r unterhält sich gerade mit einem Kollegen, starrt beflissen auf den PC-Bildschirm mit den Bestellungen oder rennt mit drei Kleiderbügeln unter dem Arm in Richtung Lager. “Nur, was da hängt”, “Da kommen Sie schon zu spät” oder “In der Größe ist nichts da” – das sind die Standard-Sätze, die einem in den Mode-Silos um die Ohren fliegen.
Doch es gibt sie noch: Oasen des geruhsamen Einkaufens und des gepflegten Umgangs. Eine dieser Enklaven hat seit über 150 Jahren ihren Sitz am Neuen Wall in Hamburg. Ladage & Oelke verkauft dort Gediegenes für die Dame und den Herren mit konservativem Geschmack. Englische Tweedjacken, edle Anzüge, schicke Kostüme und Duffle-Coats. Dazu die passenden Schuhe und Hüte. Krawatten und Manschettenknöpfe für ihn, Seidentücher und Stolas für sie. Die nicht ganz billigen Schätze lagern zum Teil in uralten Vitrinen und hölzernen Regalen.
Betritt man den Laden, umfängt einen zunächst – Stille. Hier hetzt niemand hektisch durch die Gänge oder ruft dem Kollegen irgendetwas zu. Alleine bleibt der Kunde nie. Das aufmerksame Personal bedient prompt, ist dabei ruhig, zurückhaltend und diskret. Ware ist immer am Lager; was nicht da ist, wird gerne bestellt. Mit anderen Worten: Man bemüht sich um den Kunden und lässt ihn nicht wie einen Depp zwischen den Wäschebergen stehen. Wer sich für einen Artikel entscheidet, erhält eine handgeschriebene Rechnung. Mit dieser geht der Kunde zu einem altmodischen Kontor-Schalter, bezahlt – und verlässt den Laden mit dem Gefühl, hier wirklich gut, höflich und fair bedient worden zu sein. Dafür ist man bereit, etwas mehr Geld auszugeben. Ich komme gerne wieder.
Die Welt in 40 Jahren
Meine Mutter (70+) besitzt seit Neuestem einen Computer. Es hat lange gedauert und viel Überredungskunst gekostet, aber nun steht ein gutes (gebrauchtes) Notebook im Wohnzimmer. Demnächst steht die Verbindung mit dem Internet und eine E-Mail-Adresse hat sie auch schon. Bis dahin wird kräftig Gesang geübt; iTunes und eine entsprechende CD mit Begleitmusik machen es möglich. Willkommen in der Gegenwart! Ob sie sich auch an soziale Netzwerke wie Facebook herantraut – ungewiss.
Als ich meine Mutter nun letzte Woche so an ihrem Notebook werkeln sah, dachte ich darüber nach, wie wir, die wir mit PC, Internet & Co. aufwuchsen, wohl unseren Lebensabend bestreiten werden. Viele aus meiner Generation (Jahrgang 1965) sind bei Facebook, Twitter & Co. aktiv und permanent via E-Mail, Smartphone und SMS erreichbar. Man tauscht nicht nur Nachrichten aus, sondern verschickt auch Fotos und Filmchen oder nutzt Skype für ein Videotelefonat. Wer mag, lässt so Verwandte und Bekannte laufend an seinem Alltag teilnehmen.
Wie ist die Situation heute? Viele alte Menschen tun sich immer noch schwer, wenn es um die Nutzung von neuen Medien geht. Ihnen reicht häufig der Fernseher und das Telefon. Wer Bilder zeigen möchte, steckt sie in einen Briefumschlag und verschickt sie. “Computer, Handy, Internet? – Brauche ich nicht” – so hört man es immer wieder. Wer sich trotzdem an die Technik wagt, entdeckt, welche Möglichkeiten sich heute bieten.
Ich bin gespannt, wie unsere Generationen im Alter mit sozialen Netzwerken, E-Mails und dem weltweiten Datennetz umgehen. Werden wir sie als festen Bestandteil unserer Alltags-Kommunikation auch weiter so intensiv nutzen, wenn unsere Finger zittern und der Kopf vielleicht auch nicht mehr so fit ist? Auf jeden Fall bin ich davon überzeugt, dass die Bindung an Mitmenschen auch im Alter dank moderner Technik eine qualitativ hochwertigere sein wird als heute. Ich hoffe, dass meine Mutter diese Erfahrung auch noch macht. Der erste Schritt ist ja getan.